Vermisster Pilot Josef Kühnreich gefunden!

Der „Sächsische Verein für historisches Fluggerät e.V.“ unterstützte maßgeblich die Bergung einer Fw 190 D-9 und die lange Suche nach der Identität des Piloten

Eine der ersten Aktivitäten der Mitglieder des Vereins war die Teilnahme an einer Bergung im Vorfeld des Tagebaus Welzow am 19. und 20. August 1995. Obwohl vor Ort die Bergung als abgeschlossen erklärt wurde, holte der Bagger weiterhin Flugzeugteile, Munition, Waffen und die sterblichen Überreste des Piloten und Teile seiner Fliegerbekleidung aus der Tiefe. Darunter befanden sich zwei Pistolen, ein Fallschirmkappmesser, Teile der ledernen Pilotenjacke mit Ausweis und Karte, ein Schulterstück eines Unteroffiziers sowie einen Stiefel inklusive Knochenteilen. Waffen und die Munition des Flugzeuges sowie die Pistolen wurden vor Ort vom Munitionsbergungsdienst übernommen und entsorgt. Die sterblichen Überreste übernahm der anwesende Bestatter.
 
 
     

Die geborgenen Flugzeugteile konnten zweifelsfrei einer FW 190 D-9 zugeordnet werden (z. B. Bruchstücke des JUMO 213 Motors). Interessant war der Fund eines Zündschaltkastens ZSK 244, wodurch klar war, dass die Maschine mit Abwurfwaffen ausgerüstet werden konnte, also auch als Jagdbomber/Schlachtflieger einzusetzen war. Dieser Fund führte später bei der Suche nach der Identität des Piloten zu einigen Irrwegen. Zunächst wurden aber die geborgenen Flugzeugteile und die persönlichen Dinge des Piloten dem Brandenburgischen Landesamt für Denkmalpflege und Archäologisches Landesmuseum (Herrn G. Wetzel) übergeben, von wo aus die Sachen an die Luftfahrthistorische Sammlung Flugplatz Finow zur Ausstellungsgestaltung überführt werden sollten und auch hoffentlich vollständig dort angekommen sind.

     
Bei der Suche der Identität des Piloten wurde zunächst mit Hilfe des LKA Sachsen versucht, den Ausweis lesbar zu machen und ihn anschließend in der Sächsischen Landesbibliothek zu restaurieren. Danach ist der Ausweis an die WAST übergeben worden. Die Untersuchung des Ausweises ergab einen Hinweis auf den Wohnort/Straße durch das Namensfragment Hindenburg.
Durch eine Idee unseres Vereinsvorsitzenden Olaf Przybilski konnten auf der Rückseite des Passbildes Buchstabenfragmente mit ca. 9 – 10 Buchstaben entdeckt werden, wobei der erste Buchstabe ein K oder R und der letzte ein h (in Altdeutsch?) noch erkennbar war. Ob es sich hier um Vor- und Zuname oder Zu- und Vorname (in der Reihenfolge) oder um einen langen Familienname handelte, blieb vorerst ein Rätsel. Ein „wunderbar“ passender Name hatte sofort der vermisste Pilot KÜHNREICH, doch der flog ja eine ganz andere Maschine bei seinem Absturz lt. der Verlustlisten und das auch viel früher und ganz woanders…

Bei einer intensiven Untersuchung des Flugzeugtrümmerbergs in Finow Ende 1999 wurde endlich auch von Dr. Przybilski das Typenschild mit der Werknummer 601050 und der Hersteller-Code HPS = Fieseler Werke Kassel gefunden.

Durch Recherchen und einem Brief der WAST wurde klar, dass von der FW 190 D-9-Reihe der Block von 80 Maschinen mit der Werknummer 601021 – 601100 erst im Februar 1945 fertig gestellt und an die Luftwaffe ausgeliefert wurde, so dass der Absturz der Maschine frühestens ab diesem Zeitpunkt erfolgt sein konnte. In Richtung Oderfront operierten damals die I./JG 6, II./JG 301 sowie Teile des SG 2. Diese Verbände hatten alle, neben anderen Typen, auch die FW 190 D-9 im Bestand. Aufgrund der Vorrichtung für den Einsatz der Abwurfwaffe wurden die Verlustlisten des SG 2 überprüft und zwei Piloten kamen in Frage. Beide konnten aber nach weiteren Recherchen ausgeschlossen werden. Danach wurde die Verlustliste des JG 6 und JG 301 geprüft. Da der Absturztag nicht genau klar war (die Aussagen der Zeitzeugen gehen hier auseinander), kamen wieder mehrere Piloten in Frage. Eine Anfrage bei Herrn Willi Reschke (ehemals III./JG 301) ergab aber ebenfalls keinen Erfolg. Für den besagten Zeitraum waren keine Verluste mit diesem Flugzeugtyp in diesem Raum bekannt.

Es blieb also noch das JG 6 übrig. Die Verlustliste ergab drei in Frage kommende Piloten. Durch weitere Recherchen wurde bekannt, dass die Maschine mit der Werknummer 601050 wahrscheinlich an die II./JG 6 ging. Schließlich teilte uns überraschend die WAST mit Schreiben vom 24. Oktober 2008 mit, dass der gesuchte Pilot Josef Kühnreich ist: Unteroffizier bei der I./JG 6, geboren am 11.06.1922, gefallen im Zeitraum 19./21.04.1945 in Welzow. Seine anonyme Grabstätte konnte nun einen Namen erhalten und befindet sich in Spremberg auf dem Georgenbergfriedhof Block 1 a, Reihe 14, Grab 10. Die letzte entscheidende Information kam von Herrn J. Bechler/Vermisstenforschung Deutschland e. V. Nach Aussage von ihm ist der in der Rot-Kreuz-Liste seit dem 02.02.1945 vermisste Pilot nicht, wie in den Listen angegeben, mit einer FW 190 A-8 (Werknummer 739390) Weiße 6, sondern mit FW 190 D-9 im April 1945 abgestürzt (siehe u.a. www.luftwaffe.be/miajg6.html). Diese Aussage hat sich aus Interviews u.a. mit dem damaligen Staffelführer ergeben. Und sie passten haargenau in unser großes Puzzle, in dem „nur“ noch ein Stückchen fehlte…

So konnte dieser „Fall“ nach langer Suche endlich erfolgreich abgeschlossen werden.

© Ronald Größner & Olaf Przybilski

 


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